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1000 Seemeilen Hölle

1000 Seemeilen Hölle
Ein Ritt durch das gefährlichste Segelrevier der Welt.
Von Mario Dieringer



„Du wirst für eine verdammt lange Zeit so nass sein, dass Du Deine Haut beim Socken ausziehen, abreißt“ beschreibt ein erfahrener Kapitän im 18. Jahrhundert die Reise, durch die Drake Passage. Es dauert nicht lange bis 13 Menschen aus sechs Ländern wissen, dass er Recht zu haben scheint. Am frühen Morgen des 1. Januar 2004, machte sich die Pelagic Australis, mit ihrer 13-köpfige Besatzung auf, das härteste und gefährlichste Segelrevier der Welt zu durchkreuzen. Bis zu ihrem endgültigen Ziel liegen über 1000 See-Meilen vor ihnen. Chile und die Antarktis trennen mindestens 5 Tagesreisen voneinander. Das Ziel der Reise liegt irgendwo in der Antarktis. Wo genau, weiß nur der Kapitän und Eigner des Schiffes, Skip Novak.

Mit jeder Minute werden die Wellen höher und die Schläge des Wassers gegen die Bordwand härter. Der israelische Kameramann Colin und Sulaiman der Palästinenser haben sich schon, 20 Minuten nach Auslauf des Segelschiffes, in die Kojen verabschiedet. Ihr Würgen und Röcheln wird alle Teammitglieder für die nächsten 5 Tage und Nächte begleiten. Wenn sie wüssten, welcher Sturm auf sie zukommt, sie würden vermutlich spontan ins Wasser springen und zurück schwimmen. Die Seekrankheit beweist sich auch in ihrem Fall, als größter Feind der gemeinen Landratte.

Yarden, die 25-jährige Äthiopierin, klammert sich an ihren Sitz, um nicht erneut quer durch die Schiffskabine geschleudert zu werden. Auch sie hat keine Vorstellung davon, wie es sein wird, wenn die 22 Meter lange Segelyacht, zuerst in die wütenden 50er und später in die heulenden 60er eintaucht. Begriffe, die seit Jahrhunderten das Wesen der berüchtigten Drake Passage zwischen dem 55sten und 65sten Breitengrad beschreiben. Hier werden die Winde zum Orkan; entfacht von Hoch- und Tiefdruckgebieten aus Nord und Süd. Es ist so etwas, wie ein beständiges Stelldichein der Naturgewalten. Wenn Götter „Schiffe versenken“ spielen, dann tun sie es ganz bestimmt an diesem lebensfeindlichen Ort.

Mit durchschnittlich 16,5 Knoten oder knapp 30 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit, zerschneidet der messerscharfe Schiffsbug, die mittlerweile 10 Meter hohen Wellen. Das Schiff liegt im 30-Grad-Winkel im Wasser. Aufrecht stehen ist schon lange nicht mehr möglich. Am Tag Drei der Reise, ist es auf dem Schiff ruhig geworden. Die meisten der 13 Expeditionsteilnehmer liegen im Bett. Kaum jemand hat noch die Kraft sich auf den Beinen zu halten, oder sich irgendwo fest zu klammern. Es ist nicht möglich zu kochen. Für den schwingenden Bootsherd ist die Steillage des Schiffes nicht mehr auszugleichen. Skip, der südafrikanische Kapitän und der tasmanische Skipper Stephen, legen vier Stunden andauernde Schichten ein, und steuern das Schiff abwechselnd.

„Wir erreichen jetzt die heulenden 60er“ schreit Skip Novak, der Kapitän und grinst dabei. Er kennt die Gewässer und segelt schon seit vielen Jahren in die Antarktis. Gehen er und sein Skipper über Bord, werden die Mitreisenden sterben, denn es ist für jedermann die erste Tour auf einem Segelschiff. Über Funk bekommt Skip eine weitere Wetterwarnung für die kommenden 15 bis 20 Stunden. 60 Knoten oder 100 Stundekilometer misst der Wind, und die Wellen bäumen sich bis zu 13 Meter hoch auf. Doch das Ende der Fahnenstange scheint noch lange nicht erreicht. Wenn das Schiff von einer Welle in die Höhe geschleudert wird, dauert es meist nicht lange, bis es im freien Fall, auf dem Weg zur nächsten Welle, der Länge nach auf die Wasseroberfläche schlägt. Der infernalische Lärm, der dabei entsteht, macht Angst. Besorgt wandern die Blicke immer wieder zu den Türen und Fenstern, um sicher zu gehen, dass nichts gebrochen ist und womöglich Wasser eindringt. „Die Angst ist unbegründet. Die Pelagic Australis ist ein sicheres Schiff. Es wurde speziell für solche Fahrten konstruiert. Sein Rumpf aus Stahl kann auch die Kollision mit Eisbergen aushalten. Naja, kleinen Eisbergen – sehr kleinen Eisbergen“, erzählt Skip und starrt gebannt hinaus auf das Meer. Sein Grinsen versprüht Zweckoptimismus.

In der Nacht wurde die Luft deutlich kälter und der Geruch von Eis, lässt erwartungsvolle Spannung aufkommen. Um fünf Uhr morgens weckt ein lautes „Eisberg voraus“ das Team. Zu sehen ist noch keiner, aber das Radar zeigt, in einigen Kilometern Entfernung, jede Menge Eis. Von nun an, wird das gesamte Team an Bord eingeteilt und jeder muss mindestens vier Stunden Wache halten. „Wir müssen die Wellen und vor allem die Gischt im Auge behalten“, versucht Skip gegen den heulenden Orkan anzubrüllen. „Es ist sehr schwer die Eisbrocken darin zu erkennen. Trifft uns einer von der Größe eines Autos, können wir uns verabschieden“, erklärt er den jetzt noch mehr verängstigten Männern und Frauen.

Eine Stunde später ist es soweit. Ein Eisberg von der Größe eines Hochhauses treibt in 500 Meter Entfernung an dem Boot vorüber. Majestätisch leuchtendes Eisblau ist eine Farbe, die niemand für möglich gehalten hätte. Selbst der Orkan mit seinen tief hängenden Wolken vermag es nicht, diesen großartigen Anblick und den Moment der Ehrfurcht zu schmälern. Fast starr vor Schreck und Staunen, kleben die Expeditionsteilnehmer an den Fenstern. Zwei von Ihnen haben sich sogar nach draußen gewagt. Doch nach fünf Minuten sind sie wieder in der wärmenden Kabine. Ihre Körper sind klitschnass und eiskalt. Viele Stunden später, schwächt sich der Orkan ab und wird am vierten Tag der Reise zum Sturm mit nur noch 40 Knoten oder 74 Stundenkilometern. Deutlich verlieren auch die Wellen an Höhe. An Bord wird es wieder etwas lebhafter. Colin und Sulaiman bleiben aber weiterhin verschwunden. Nur ihr gequältes Würgen versichert, dass sie sich noch an Bord befinden.

Nach einer vergleichsweise ruhigen Nacht, erreicht die Pelagic Australis am 5. Januar 2004 das erste Etappenziel. Zum ersten Mal scheint die Sonne und die See plätschert dahin, als sei es nie anders gewesen. Die sehr enge Einfahrt zur ringförmigen Vulkaninsel Deception Island meistert der Kapitän ohne Probleme. Wenige Minuten später fällt der Anker geräuschvoll ins Wasser. Noch immer, von jener besorgniserregenden Färbung im Gesicht gezeichnet, schleppt sich Colin unerwartet an Deck. „Was ist passiert? Wo sind wir?“, flüstert er geschwächt. „Du hast es überstanden“, gratuliert Hezi, sein israelischer Landsmann grinsend. „Ich freue mich, dass ich Dich sehen kann und nicht mehr hören muss. Willkommen in der Antarktis.“
21.5.08 12:17
 



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