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Anthologie – die Schwäbische

Anthologie – die Schwäbische

Eigentlich wollte ich ein schwäbisches Heimatgedicht schreiben doch es ist schwierig sich einen Reim zu machen, wenn es an Worten fehlt, um das Unglaubliche zu beschreiben. Wenn sich „Tugenden“ dem Auswärtigen nicht erschließen wollen, dann fehlt es auch zum Gedicht an Fantasie.„Wir können alles nur kein Hochdeutsch“ ein Clou der Werbeschaffenden. Eine gepflegte Lüge um Sympathien zu erheischen. Doch die Wirklichkeit präsentiert sich sogar gestandenen Art Director´s als Anthology schwäbischer Eigenheiten.

Kommunikation

„Stellt ihr bei Eich dahoim s’Auto au mitta uff Stroß?“ wurden wir von der Daimler fahrenden End60er Nachbarin begrüßt, als der Umzugswagen die 1,50 breite Straße versperrt hat. Mein Vermieter und neuer Mitbewohner, dessen Lieblingsspruch „wie bei den Türken „ beständig und drohend durch die biedere und wohlhabende Nachbarschaft schwebte, entzog sich gleich allen Kommentaren. Es war der Vorgeschmack auf die kommenden 6 Monate. Er oder besser ES sagte nämlich gar nichts. 24 Stunden am Tag lauschte ES andächtig „Frauentausch“, „mein neues Heim“ oder „Bauer sucht Frau“. Leider vergaß ES dabei vollkommen, dass sein Lärm geplagter Mitbewohner sich nichts sehnlichster wünschte, als 5 Minuten Ruhe am Tag. Ich wurde nämlich von rechts und links beschallt. Einerseits durch durch das böse Unterschichten-TV terrorisiert und von links dröhnte regelmäßiger Gayromeo-Alarm in Form einer Ente durch die unzulänglich isolierte Bude, direkt in mein Kämmerchen. Selbst Ohrstöpsel vermochten es nicht, dem Trommelfell das Getöse zu ersparen.
Fast wie Musik in den Ohren klang da, das gepresste Gekeuche, wenn der regelmäßig erscheinende heimlichhomosexuelle Vati aus dem Dorf zum Abspritzen vorbei kommen durfte. Als ES sich aber auch noch eine Mutti in Haus holte und aus Keuchen Quieken wurde, war die Zeit gekommen auszuziehen.

Unser neues Heim

Schließlich lockte unser neues Heim. Schwäbische Gemütlichkeit und höfliche Zuvorkommendheit prägten die Zusammenkünfte mit dem sympathischen Vermieter. Der Vertrag wurde unterschrieben, Extrawürste genehmigt und wir freuten uns auf Bad Canstatt.
Drei Wochen vor dem Einzug bekamen wir dann Post: „ …muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie erst drei Wochen später einziehen können…“ „Da sind wir doch in Ägypten und eine Wohnung habe ich auch nicht mehr“ geht es mir noch durch den Kopf, als ich Ihn bat eine Lösung für das Problem zu finden. Diese Bitte, wurde mit der Kündigung beantwortet. „Guck wo d’bleibscht“ las ich in der Metaebene. Es ging ums Geld und möglichen Schadensersatz, sprich: der Spaß war vorbei. Und ich hatte mir eingebildet einen progressiven Häuslesbesitzer vor mir zu haben. Reinemachefrau und große Mülltonnen für alle sollte es eigentlich geben. Ein Hund in der Wohnung - kein Problem, keine Zeit für Kehrwochen – vollstes Verständnis, schwul au – super, Multikulti im Haus. Ein netter Herr, dessen wahres Gesicht sich erst zeigen sollte, als an seinen Geldbeutel ging.

Abfallwirtschaft

Und jetzt? Leben wir im drohenden Schatten Abfall durchwühlender Nachbarn. Peinlich wird darauf geachtet, wer was in die „Tonne rund“ und „Tonne flach“ einfüllt. Nicht gefaltet, dreckig, zu viel oder falsches Material - das ist zu viel für die arme Seele aus dem unteren Stockwerk. Sie zerrt den Unrat mit „Der woiß scho worum!“ aus der Mülltonne und schleudert ihn wutentbrannt in eine Ecke. „So lang bis es die do oba lernet“ faucht sie mich an und macht ihrer Erregung Luft. Meine Erschütterung kennt keine Grenzen mehr. Nur schwer gelingt es mir das Sicherheitsschloss an der privaten Mülltonne zu öffnen. Mich wundert, dass es noch keine Mülltonnen mit Nummerncode gibt. Vielleicht würde man hier einen Fingerabdruck gesteuerten Öffnungsmechanismus gut an den Mann bekommen. Eine gleichzeitige technische Anbindung an die Straftäterkartei in Wiesbaden, welche den fremden Daumen an der Tonne abgleicht und analysiert, wäre sicherlich ebenfalls willkommen. „Die Hand am Mülleimer“ würde dem Plastikflaschenterroristen bestimmt gleich abfallen. Kaum dass ich den Deckel meiner Tonne endlich geöffnet habe zischt es zwischen den Mülltonnen hervor: „He Sie, die Flascha do, könnet se au hier nei macha. Des koschtet net so viel.“ Nach meinem vergeblichen Versuch Müll ungetrennt verschwinden zu lassen, klärt sie mich darüber auf, wie hoch meine Müllrechnung werden wird. „Ond im nächschte Johr wir’s ja noch teurer!“ Ich schließe wieder ab und es gelingt mir zu entkommen. Ich weiß zum Glück nicht, ob sie Reiskörner im Treppenhaus verstreut, um zu sehen, ob die Kehrwoche auch eingehalten wurde. Ich bin Kehrwochenbefreit. Aber wehe ich rauche im Treppenhaus und wage es nach 20 Uhr die Eingangstür nicht abzuschließen. Immer zwei Mal. Warum erfindet niemand ein Schloss das sich 78 Mal umdrehen lässt? Die Schwaben würden es kaufen – Sicherheit geht vor.

Polizeistaat

Grad mal 5 Wolken waren am Himmel als wir mit Sonnenbrille über die schwäbischen Autobahnen hetzten. Durst plagte uns und die rettende Wasserflasche wanderte an unseren Mund, so lange bis wir mit Blaulicht zum stehen gezwungen werden. „Drogenkontrolle, wo fahren Sie hin?“ Ein Blick auf unsere Campingausstattung und den friedlich schlafenden Hund wecken Argwohn. Zählen Sie mal rückwärts von 20 an und dann machen Sie die Augen zu und fassen mit dem Zeigefinger auf die Nase“ wird befohlen. Misstrauisch wird die Szene am Autobahnrastplatz von zahlreichen Augenzeugen protokolliert. „OK – nehmen Sie den Becher und füllen Sie ihn bis zum Strich mit Urin“ lautet der nächste Befehl. Das Stäbchen im Körberwarmen Sud gibt nichts her. „Keine Drogen. Da haben Sie ja nochmals Glück gehabt. Wissen Sie, wir sind ja misstrauisch geworden als Sie mit Sonnenbrille und dazu noch Wasser trinkend gefahren sind. Und bei Drogenkonsumenten zittern immer die Augenlider – so wie bei Ihnen. Aber das kann auch Übermüdung sein.“ „Was Sie nicht alles wahrnehmen, wenn Sie ein Auto überholen“ ist meine Antwort und wir setzen uns wieder in den Wagen und fahren davon. Ungläubiges Staunen hängt selbst unserem Hund im Gesicht.

Schmutztoleranz

In Bad Canstatt wurden uns bei richtig siffigem Regenwetter heißes Putzwasser über die Füße gekippt, damit der Gehweg geschrubbt werden konnte. Nein, man schaute vorher nicht nach, ob da einer kommt. Man schüttet zuerst und schimpft dann „was einem einfallen würde...“ Als zwei Tage später ein Sturm aufkam, ließ es ein Anwohner irgendwo am Berg, es sich nicht nehmen, die umher fliegenden Blätter mit einem Besen im Kreis zu jagen. „Jo koin Dreck“. Drakonische Strafen werden hier übrigens auch für Graffitisprayer gefordert und wer den Hund auf den Gehweg scheißen lässt – zieht am besten gleich wieder weg – ach was, besser noch: er stirbt.


Schluss mit Lustig

Wir ziehen jetzt wieder aus und freuen uns auf die Großstadt mit ihren verwahrlosten Menschen, den dreckigen Hauseingängen und den Sperrmüllbergen, die von denen entsorgt werden, die gar nichts mehr haben und dankbar um jedes Drum sind. Ich freue mich auf laute Nachbarn, dem Nationalitätengewirr und einem herzlichen Grüß Gott , Guten Tag, Hola, Buon Giorno oder Hey, was geht ab.
Vermissen werden wir nur die Butterbrezel.
26.3.08 20:13
 



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