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Homosexualität in der Schule

Homosexualität in der Schule
Der schwierige Spagat zwischen Tabu und Aufklärung


An der Tafel steht es geschrieben: „Müller ist ´ne schwule Sau“. Für den brutal geouteten jungen Mathelehrer Müller ist das Abspulen des Unterrichts nicht mehr drin, also fängt er an zur Klasse zu reden und erzählt von seiner Jugend, der unerwidert gebliebenen Liebe zum einstigen Schulkameraden und geschockten Eltern. Müllers halbstündiger Monolog hat kein Happy End. Doch was der Lehrer seinen Schüler sagen will, lässt die ansonsten gelangweilten Kids aufhorchen: „Habt keine Angst über Eure Gefühle zu reden.“
„Coming out“ heißt das Theaterprojekt, welches seit einem Jahr Lehrern und Schülern die Angst vor dem Thema Homosexualität in der Schule nehmen soll. Ein Ansatz mit Berechtigung wie deutsche und internationale Studien an Schulen immer wieder bestätigen. Besorgniserregende Ergebnisse ermittelte die jüngste österreichische Studie „out in der Schule“, die Ende vergangenen Jahres veröffentlicht wurden. Dort gaben immerhin 17% der Befragten an, dass mitunter die homophobe Schulsituation Grund für ihren Suizidversuch gewesen ist. Für ganze 5% war es sogar der einzige Grund sich das Leben nehmen zu wollen. Derart dramatische Zahlen liegen für Deutschland nicht vor. Schüler und Lehrer scheinen es in unserer Gesellschaft etwas leichter zu haben und unterliegen einem „nur“ vier Mal höherem Suizidrisiko als der Rest der Bevölkerung. Trotzdem und gerade deshalb ist auch hier Vorsicht geboten, wie ein

Blick auf den Pausenhof der Schüler bestätigt.

Vertraut man diversen Studien sieht es an Deutschlands Schulen mit dem Wissen um Homosexualität ziemlich schlecht aus. Immerhin glaubten 2003 noch 11% der Schüler, dass es sich um eine Krankheit handeln würde. Auch die mangelnde Aufklärung zum Thema führt in den meisten Fällen zur Bestätigung bestehender Vorurteile. So werden schwule Schüler immer noch in vielen Fällen öffentlich als Schwuchteln und Arschficker bezeichnet und der gemeine Heteroschulkamerad geht davon aus, dass es die Schwulen immer nur von hinten machen. Das bestätigt auch Arne. Der Berufsfachschüler weiß, dass seine Schulkameraden von Einst nicht wussten, was schwul sein bedeutet, denn auch die Lehrer können nichts dazu sagen. „Da sie selbst nicht viel über das Thema Homosexualität wissen, wird es von den Lehrern tot geschwiegen oder sie sehen einfach weg. Den meisten war es sogar unangenehm darüber zu reden.“ Dass es sich bei dem Thema um einen Lebens verändernden Aspekt handelt, an dem viel mehr hängt als nur ein Gummi überm Schwanz, wird erst mit einer höheren Schulbildung oder steigender persönlicher Lebenserfahrung wahrgenommen. Eine zum Teil schmerzliche Erfahrung auch für Patrick aus München, der sich schon in der Hauptschule geoutet hatte. „Ich wurde sehr oft dumm angemacht, als Arschficker bezeichnet und auch gemobbt. Schnell wurde ich zum Außenseiter, wobei meine Freunde Gott sei Dank zu mir gehalten haben.“ Ähnlich erging es auch dem Hauptschüler Flo. „Einmal wurde ich von vier Schülern brutal zusammengeschlagen, angespuckt und als Arschpopper beleidigt.“
Kein Wunder also, dass sich die meisten schwulen Schüler erst zum Ende ihrer Schulzeit hin outen und damit sehr viel bessere Erfahrungen machen, so wie der 19jährige Flensburger Timo, der sich in der Schulpause Freunden gegenüber geoutet hatte und die nächste Schulstunde zum öffentlichen Bekenntnis nutzte, noch bevor die Neuigkeit ihre Runde machen konnte. „Alle haben geklatscht und auf die Tische geklopft, als ich es gesagt hatte! Und als wäre es abgesprochen gewesen, haben fast alle im Chor gesagt: "Wir bewundern dich für Dein Selbstbewusstsein! Wir haben dich lieb!". Selbst die Jungs sagten das! Das fand ich so toll, dass ich vor Rührung weinen musste.“
Ist man geoutet hört das Spießrutenlaufen an deutschen Schulen oftmals auf, bestätigt der Realschüler Meik aus Wolfsburg. „Mach das Outing einfach. Dann weißt du mit wem du dich noch unterhalten kannst. Der Rest macht sich von ganz allein aus dem Staub. Außerdem lässt es sich um einiges leichter leben.“ Ähnlich sieht es auch der 19jährige Alexander: „Die Beschimpfung "Schwuler" hörte auf, nachdem ich mich geoutet habe, außerdem gehe ich jetzt aufs Gymnasium und da sagt man so etwas nicht mehr.“ Eine Höhere Schulbildung und gut situierte Eltern sind trotzdem kein Garant für gutes Benehmen, wie der 18jährige Johannes, Gymnasiast aus Nordrhein-Westfalen leidvoll erfahren muss. „Einmal wurde ich beim Halten eines Referates durch Ausrufe wie Schwuchtel und Tunte unterbrochen. Meine Lehrerin hat es einfach ignoriert.“ Man muss also vorsichtig sein und einen derart wichtigen Schritt immer gut überlegen. „Beobachtet euer Umfeld ganz genau, um euch nicht voreilig zu outen. So etwas braucht viel Zeit und sollte erst dann gemacht werden, wenn man sich selbst so akzeptiert, wie man ist und damit auch selbstbewusst in die Öffentlichkeit treten kann. Somit lassen sich auch negative Sanktionen von einigen Menschen erdulden“ sagt der Realschüler Stefan, trotz guter Erfahrungen nach seinem Outing.
Auch die Angst vor den Lehrern ist im Schulalltag weitest gehend unbegründet. Nicht zuletzt auch dadurch, dass ein Lehrkörper sich dem Gleichheitsgrundsatz verschrieben hat und es ihm von Gesetzes wegen verboten ist, Schüler aufgrund ihrer Sexualität, Religion etc. ungleich zu behandeln. Das weiß auch der 17jährige Tim. Er hatte seinen Lehrer auf der man dance Party in Essen getroffen und sich bei ihm darüber beklagt, dass er trotz des gegenseitigen Wissens um die Homosexualität keine Eins in der letzten Klassenarbeit bekommen hätte. „Tja mein Lieber, einen Schwuppenbonus gibt es bei mir nicht“ war die Antwort. So locker gehen aber nicht alle Lehrer mit dem Thema um. So hörte Tim von einer anderen Lehrerin, die ihn zwang den weiblichen Part in einem Dialog vorzulesen „Tim, wir wollen doch der Wahrheit ins Gesicht blicken.“
Tatsächlich besteht an Deutschlands Schulen nach wie vor ein großer Aufklärungsbedarf in Sachen Homosexualität sowohl bei Schülern als auch bei Lehrern. Betroffene Schüler übernehmen diesen Job während oder nach ihrem Outing und machen gute Erfahrungen damit.

Der Blick ins Klassenzimmer und die Lehrpläne in Sachen Homosexualität


ist kompliziert. Zwar wurde am 15. Juni 2005 der Antrag „ bei den Bundesländern darauf hinzuwirken, dass Themen wie „Sexuelle Orientierung“ in den Lehrplänen verankert werden, in die Rahmenrichtlinien für die Ausbildung aller pädagogischen sowie sozialarbeiterischen Berufe einbezogen werden und, sofern dies bereits geschehen ist, sich für die aktive Umsetzung einzusetzen.“ (dt. Bundestag, Drucks. 15/5691) gegen die Stimmen von CDU/CSU angenommen und in vielen Bundesländern auch umgesetzt, trotzdem ist die Vermittlung des Themas Homosexualität zwar vorgesehen, doch die Art und Weise und den Umfang bestimmt nach wie vor der Lehrer. So wird zum Beispiel die Anfrage „ob das Thema Homosexualität in den Lehrplänen verankert ist als auch Form und Umfang“ von Simone Tülle im Bayerischen Landtag vom November 2006 wie folgt beantwortet: Gemäß den Richtlinien für Familien und Sexualerziehung an bayrischen Schulen gehört der Themenbereich Persönliche und soziale Aspekte der Homosexualität zu den Unterrichtsinhalten ab Jahrgangsstufe 9 an Hauptschule, Realschule und Gymnasium.“ Verantwortlich für die Umsetzung ist allerdings der Lehrer „Der zeitliche Umfang wird von den Lehrplänen nicht für Einzelthemen festgelegt. Darüber entscheidet jede Lehrkraft in eigener pädagogischer Verantwortung.“ Immerhin – denkt sich da der Leser, wenn er auf entsprechende Anfragen anderer Bundesländer Bezug nimmt. So wurde im Thüringer Landtag die Frage wie Pädagogen auf den Umgang und die Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität an Thüringer Schulen vorbereitet werden, im Oktober 2005 folgendermaßen beantwortet: „Mit Verweis auf die Verfassung des Freistaates Thüringen und die im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland formulierten Grundrechte ist eine spezielle Vorbereitung von Pädagogen auf das Thema Homosexualität und seine verschiedenen Facetten an Thüringer Schulen nicht erforderlich.“ Ähnlich sieht es auch in anderen Bundesländern aus, wo das Thema Homosexualität allenfalls mit HIV gleichgesetzt wird und die Aufklärung durch Lehrer merkwürdige Züge annimmt, wie der 17jährige Tim, Gymnasiast aus NRW berichtet. „An meiner Schule wurde zum Thema HIV ein Film über Schwule gezeigt die sich auf einer CSD-Partyveranstaltung beim Sex den Virus holten und dann langsam vor die Hunde gingen. Damit war das Thema HIV und Homosexualität gegessen.“ Dass es nicht bei optionalen Empfehlungen für Religion, Ethik, Biologie etc. bleiben muss und es positive Umsetzungen des Themas gibt, haben die Bundesländer Hamburg und Schleswig Holstein gezeigt. Die Hansestadt etwa hat 2003 die Broschüre "Gleichgeschlechtliche Beziehungen" in die Schulen gebracht. Eine offizielle Handreichung und eine Verpflichtung für die Lehrer, das Thema in verschiedenen Fächern anzusprechen. In Biologie sollen die sexuellen Fakten rüberkommen. Geschichte soll deutlich machen, welchen Diskriminierungen Schwule von jeher ausgesetzt waren. Und Deutsch kann dazu dienen, den Schülern die Wege deutlich zu machen, die Menschen auf der Suche nach ihrer Sexualität gehen. In Sachen Homosexualität geht es nämlich nicht nur um biologische Fragen und Fakten, sondern auch um die sozialpsychologischen Fragen von Sexualität. Doch die Beantwortung entsprechender Fragen fällt sehr auch schwulen Lehrern schwer, wie

der Blick ins Lehrerzimmer

zeigt. So habe die meisten schwulen Lehrer kein Problem sich den Kollegen gegenüber zu outen. Doch wenn es um die Schüler geht, sind die Kollegen vorsichtig.
Hans-Jürgen, der an einem Frankfurter Gymnasium unterrichtet sieht jetzt relativ gute Chancen sich zu outen, was an der Schulform liegt, wie er versichert. So sei ein Outing an Haupt- oder Realschule fast ein Ding der Unmöglichkeit. Sozialer Hintergrund, Ausländeranteil, Religion und Bildungsniveau an der Schule sind Faktoren, die nicht außer Acht gelassen werden dürfen und für erhebliche Probleme sorgen können. Durch die Blume hat sich Hans-Jürgen nach ein paar Monaten gegenüber zwei Kollegen geoutet, die kein Problem mit seiner Sexualität haben und so hofft der 38jährige, dass es mit der Zeit alle Kollegen wissen werden. Ganz anders sieht es mit einem Outing gegenüber Schülern aus. „Es handelt sich um eine große Masse, die man nicht kontrollieren kann und deren Reaktionen nicht vorhersehbar sind. Kollegen könnte man zur Not auch aus dem Weg gehen, nicht aber den Schülern.“
Deshalb ist es für den Mathelehrer auch wichtig, dass zuerst die Kollegen bescheid wissen. Sollten ihn Schüler eines Tages anfeinden, könnten Kollegen das Thema Homosexualität in anderen Fächern behandeln und ihm dadurch Hilfestellung zukommen lassen. Doch noch ist er nicht lange genug an der Schule, um sich dieser Herausforderung stellen zu können. „Wenn ich mich jetzt outen würde, wären die Vorurteile größer als das Verständnis. Die Schüler müssen mich erst mal kennen lernen – auch als Vertrauensperson.“ Nach wie vor ist die Angst bei schwulen Lehrern vor dem Thema groß. Deshalb bietet das Waldschlösschen in Hannover dazu auch immer wieder Seminare zum Thema an, denn die Ängste sind breit gefächert. So vermeiden es Lehrer mit einem Schüler allein in einem Raum zu sein, um nicht angreifbar zu sein. Andere finden keine Akzeptanz bei Kollegen oder der Schulleitung. Wieder andere berichten, dass Schülerinnen bei schlechter Benotung davon ausgehen, dass der schwule Lehrer eben keine Mädchen mag. Aber auch Fragen, wie es sich mit der Vermittlung des Themas Homosexualität im Unterricht verhält stehen auf der Tagesordnung. Denn schwule Lehrer haben auch Angst das Thema aufzugreifen, weil sie ein unfreiwilliges Outing befürchten oder andere Faktoren in Vordergrund stehen, wie es der Frankfurter Englischlehrer eines Gymnasium Thomas sieht: „Ich werde nicht zwingend ein schwules Thema aufgreifen, weil sonst die Schüler die ihn eh nicht mögen sagen würden: Toll jetzt serviert uns die Schwuchtel auch noch ihre Themen.“ Trotzdem muss das Thema an deutschen Schulen dringend mehr Aufmerksamkeit erfahren. In einer Berliner Studie aus dem Jahr 2003 hielten immerhin 24% der Befragten Homosexualität für eine abartige Form der Sexualität. Wie Homosexualität als Lehrstoff vermittelt werden kann, zeigt die im Internet zum Download bereit stehende Broschüre „Homosexualität – Ein Thema für Jugendhilfe und Schule“. Lehrinhalte, Lernziele, Methoden und Übungen ergeben zusammen mit Textbausteinen zu den Themen Homosexualität und Gesellschaft, Lebenssituation von Schwulen, Lesben und Bisexuellen oder Das Coming-out, wertvolle Hilfen zur Stoffvermittlung.

Lehrer Müller blieb im Theaterstück „Coming out“ ein Happy End verwehrt. Wie ihm geht es in Deutschland vielen Lesben und Schwulen an unseren Schulen, ganz gleich, ob es sich um Lehrer oder Schüler handelt. Alle haben das Recht ohne Ausgrenzung, Angst und Benachteiligung zu lehren oder lernen zu dürfen. Was in der Politik, der Gesellschaft mittlerweile immer leichter möglich ist, scheint im Schulbetrieb nach wie vor ein Tabu zu sein. „Die Schule hinkt der gesellschaftlichen Entwicklung mindesten zehn Jahre hinterher“ meint Peter Ruch vom pädagogischen Institut der Stadt München (siehe Interview). Es dürfte noch ein langer und unbequemer Weg sein, bis auch in der Schule die eigene Sexualität keine Bedrohung mehr darstellt, sondern ein Stück Identität bedeutet. Sollte das nicht gelingen, könnte auch hierzulande jemand auf die Idee kommen, dem amerikanischen Beispiel der „Harvey Milk School“ in Manhattan zu folgen und eine Klasse nur für lesbische und schwule Schüler zu eröffnen. Ein solcher Schritt in die Zukunft würde dem Weg in die Vergangenheit folgen: Zurück ins Ghetto.
15.2.08 15:10
 



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